Teil 5. Nach den ersten vier Wochen ist es Zeit, etwas ueber das System 

hier in Queensland zu erzaehlen:

Wir hatten die ersten drei Wochen einen Einfuehrungslehrgang, in dem uns das Wichtigste etc. beigebracht wurde. U.a. sind hier Notfallprotokolle, wie wir sie aus Deutschland kennen, nicht mehr ueblich. Alles wird elektronisch via Toughbook erfasst. Dies ist ein Laptop fuer den Strassengebrauch, mit Touchscreen und entsprechender Software. Es ist anfaenglich eine gewaltige Umstellung, man arbeitet sich jedoch schnell ein und dann wird der Anwender feststellen, dass dies ein geniales System darstellt. Selbstverstaendlich kann man auch Texte frei verfassen. Das Toughbook laesst sich auch via Bluetooth ans LP 12 koppeln und alle Vitalparameter inkl. Zeiten werden automatisch ins System eingespielt. Unterm Strich kann man in sehr kurzer Zeit sehr ausfuehrlich dokumentieren. Sobald das Protokoll fertiggestellt ist, kann man es an jeder Klinik via Bluetooth-Schnittstelle ausdrucken.

In unserem Einfuehrungskurs waren drei Australier, zwei Sued-Afrikaner, ein Schotte und ich als erster Deutscher. Bei den beiden Sued-Afrikanern (beide in Johannesburg als Intensive Care Paramedics taetig gewesen) merkt man sehr schnell, dass sie unheimlich viel Erfahrung in Trauma haben. Das Niveau des Kurses war sehr hoch und es war eine grosse Freude, sich auch einmal mit anderen vergleichen zu koennen.

Ungeachtet der frueheren Qualifikationen wurden wir alle ‘nur’ als Advanced Care Paramedic eingestuft. Was fuer Moeglichkeiten werden uns hier nun geboten? Aktuell muessen wir nun sechs Wochen auf der Ambulance Dienst machen – mit einem ‘qualified officer’, sprich einem Advanced Care Paramedic. Dieser und der Officer in Charge (vgl. mit Wachleiter) haben die Aufgabe, uns auch in der Praxis zu unterstuetzen. Nach sechs Wochen muessen wir alle eine schriftliche, muendliche und praktische Pruefung machen, die uns dann als Advanced Care Paramedics bestaetigt – sofern man diese auch besteht. Abgefragt werden nicht nur Pharmakologie, sondern auch Skills, Protokolle und weiteres theoretisches Wissen. Grundsaetzlich ist das aber zu schaffen. In diesen insgesamt knapp zehn Wochen muessen wir jedoch auch umfangreiche ‘mandatories’ abarbeiten. So z.B. Pandemie, Hygiene, Queensland Rail Policies, Children Protection etc. sind hier anzufuehren. Jeder dieser Kurse muss mit einer Pruefung und mit mind. 80% bestanden werden. Ohne all diese Qualifikationen wird man u.a. nicht zur ACP-Pruefung zugelassen und man wird auch nicht in der Lohnstufe erhoeht. Die ACP-Pruefung wird am regionalen Ausbildungszentrum absolviert. Dieses Zentrum bietet Hightech pur. Nicht nur, dass man hier auf SimMan und SimBaby trifft, sondern auch auf Puppen, die ihr Hautcolorit aendern und sich uebergeben koennen, physiologisch und pathophysiologisch auf Medikamente reagieren und und und. Genial und man kann sich, nach Anmeldung, auch in der Freizeit in den Simulator begeben und sich allen moeglichen Szenarien unterziehen.

Kurz ein Ausflug zum Thema Aus- und Fortbildung: Es wird von jedem ACP ab kommenden Jahr erwartet, dass er/sie erfolgreich sich einem 12-Kanal-EKG Seminar unterzieht und dieses auch besteht. Desweiteren sind wir ‘gezwungen’, in zwei Jahren 100 Fortbildungspunkte nachweisen zu koennen. Diese koennen auf diverse Fortbildungen etc. erworben werden. Sollte man diese Punkte nicht erreichen, so wird man abqualifiziert und faehrt Krankentransport
 Aus- und Fortbildungen werde nicht nur am regionalen Ausbildungszentrum angeboten (kostenlos und man bekommt sogar eine sog. Trainings Allowance, sprich Zuschlaege), sondern auch online. Alle Fortbildungen werden elektronisch gespeichert, so dass man jederzeit von jedem Ort der Welt mit Internetanschluss auf sein Konto Zugriff hat, sich fuer Fortbildungen einschreiben oder auch seinen Punktestand abrufen kann.

Was wird aber nun au suns ACPs und was fuer Kompetenzen haben wir? Sicherlich wird der Leser interessiert sein, was fuer Medikamente wir verwenden duerfen. Eine ausfuehrliche Darstellung erspare ich uns nun, aber u.a. verwenden wir Morphin, Midazolam und 16 weitere Medikamente. Intubieren ist uns nicht erlaubt, aber das Einlegen von Larynxmasken. Wir arbeiten nach Protokollen, jedoch sind das Leitlinien und wir duerfen auch abweichen, ohne Ruecksprache halten zu muessen. Selbstverstaendlich muss es entsprechend dokumentiert werden. Es ist also nicht so, wie es immer wieder von einigen namhaften Notfallmedizinern dargestellt wird. Paramedic-System = Scoop and Run and no treatment. Schlicht und einfach gesagt – diese Darstellungen sind unsinnig.

Grundsaeztlich steht es jedem Ambulance Officer frei, sich fortzubilden, auch ausserhalb seines eigentlichen Berufes. So ist ein Bachelor oder Masters auch ohne Probleme an der Uni zu machen, wobei der Arbeitgeber knapp 75% der Kosten bezahlt. OHNE zu beanspruchen, dass man noch xx Jahre fuer ihn arbeiten muss. Eine weitere Herausforderung ist die sog. Intensive Care Paramedic Challenge. Entweder man macht den ICP an der Uni und studiert rund 18 Monate oder aber man challenged diese Qualifikation. Was aber bedeutet das? Der ICP ist ein Degree an der Uni, die ICP Challenge wurde fuer Paramedics erschaffen, die Overseas schon als ICPs gearbeitet haben und hier mind. zwei Jahre nachweisen koennen. Man tritt also an den Officer in Charge heran und teilt diesen mit, dass man den ICP challengen moechte. Sofern der OiC dies fuer moeglich haelt, wird der ACP an das regionale Ausbildungszentrum gemeldet. Hier hat er ein Interview zu absolvieren, in dem zahlreiche klinische Fragen zu diskutieren sind. Ein umfangreiches Fachwissen wird vorrausgesetzt und allein die empfohlene Literatur fuer die ICP Challenge umfasst mehr als 4000 Seiten in fuenf Buechern. Besteht man das erste Interview, wird man einem ICP als ‘Shadow’ zugeteilt und man faehrt drei Monate mit diesem. Alle 14 Tage sind neue Themengebiete abzuarbeiten. Nach den drei Monaten wird man dann wieder zum Interview und zur Abschlusspruefung zugelassen. Die praktische Pruefung besteht aus drei langen Szenarien (jedes rund 20 Minuten). Hat man alles erfolgreich abgeschlossen, darf man sich ab sofort als ICP bezeichnen und den roten gegen einen goldenen Aeskulapstab austauschen. Zu den neuen Kompetenzen schreibe ich in einem anderen Blog.

 

Es klingt alles natuerlich sehr gut und auch die Bezahlung laesst sich sehen. Dienstplan umfasst 38h pro Woche und nur max. zwei Nachtdienste in einem Schichtblock! Desweiteren gibt es die ueblichen Zuschlaege wie Nachtdienst, Feiertag etc. Alle Ueberstunden werden doppelt gerechnet. Macht man also eine Ueberstundenschicht von 12h, werden 24h gerechnet und auch ausbezahlt. Leider kann man diese Ueberstunden nicht sammeln. Wenn man vier Ueberstundenschichten pro Monat faehrt sind das knapp Euro 1300.- netto mehr. Ohne nun genaue Zahlen nennen zu wollen, aber ohne die Ueberstundenschichten verdiene ich beinahe doppelt so viel netto wie in Deutschland, wobei die Lebenshaltungskosten niedriger sind (Sprit etc.).

 

To be continued!

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